Geschichte des Hauses Anne

 

Der Beginn

Die spätgotische Annenkapelle ist deutschlandweit in dieser Art einmalig. Sie liegt heute mitten im Herzen der Stadt.
Hans Frenzel (1463-1526), "Der Reiche", hat die Kapelle mit seinem Geld errichtet. Anfangs war ein armer Mann und lebte auf Kredit. Doch Frenzel sorgte rastlos und energiegeladen für die Vermehrung der geliehenen Gelder; er steckte sie in einen ausgedehnten Handel mit Tuchen und Leder, zeigte sich aber auch in der Bierbrauerei äußerst erfolgreich. Somit kam er auf diese Weise zu einem umfangreichen Vermögen. Er verstand es, Geld zu machen und war damit einer der reichsten Männer in Görlitz.
Zur Vollendung seines Glücks jedoch fehlte Hans Frenzel der Sohn, der das Werk des Vaters vollenden sollte.  Und so entstand die Annenkapelle: Hans Frenzel leistete ein Gelöbnis der Heiligen Anna, der Namenspatronin seiner Frau: Wenn nun seine Frau ihm einen Jungen gebar, so baute er ihr eine Kapelle.

Doch es war nicht so leicht, denn die damaligen problematischen Widerstände mussten überwunden werden. Zu dieser Zeit war es nicht üblich, dass ein Bürgerlicher eine Kirche baute. Der Kirchenbau war eigentlich die Aufgabe des Landesherrn oder von Bischöfen oder Magistraten. Somit musste der Kaufmann eine Unmenge an Summen aufwenden, um alle Hindernisse des Genehmigungsweges zu überwinden. Doch es wird immer im Dunkeln bleiben... Frenzel wollte die Kirche dicht hinter der Stadtmauer an dem strategisch wichtigen Punkt der Südwestecke bauen lassen. Jedoch war das Gebiet sumpfig und in fünf Metern Tiefe fand man erst festen Boden - keineswegs ideal für ein Bauwerk, aber in unmittelbarer Nähe der Frenzelschen Grundstücke an der Nonnenstraße.

Am St.-Annen-Tag (28.Juli) 1508 wurde der Grundstein gelegt. Der Bau dauerte 3 Jahre, 3 Monate und 3 Tage und somit im Herbst 1511 fertig. Nach vollendeter Innenausstattung erfolgte am Freitag vor Pfingsten 1512 die Weihe durch den Bischof von Halberstadt.
Nach der Sage zufolge, fühlte sich Anna Frenzel in dem Augenblick schwanger, als am Chor die erste Heilige Messe gelesen wurde. Der erwartete Sohn erhielt den Namen Joachim.

Die Kapelle:

Die Kapelle glich, so der Meinung der Zeitgenossen, "mehr einem Gestift eines Fürsten denn eines Bürgerlichen".

Merkmale:
  •    Maße: 32 Meter lang, 13 Meter breit und 17 Meter hoch

  •     Baukosten: 8550 Gulden; mehr als Frenzel besaß, denn er hatte 7000 Gulden 

  •    4 Altäre vorn

  •    eine Empore hinten, auf der die Orgel ihren Platz hatte

  •    Haupteingang: Annengasse

  •    letztes spätgotisches Bauwerk der Stadt Görlitz und Schnittpunkt zweier Stilrichtungen

annenkapelle

Das hohe Kapellendach trug ein Türmchen mit zwei Glocken, die zur Heiligen Messe riefen.  

1525  hielt die Reformation in Görlitz ihren Einzug. Hans Frenzel war 1526 im Altar von 63 Jahren gestorben. Einige Jahre danach, 1531, übergab der Sohn die Kirche dem Rat der Stadt.
   Mit der Reformation brauchte man die Kirche nicht mehr.
1539 wurden die Glocken aus dem Dachreiter heruntergenommen. Die eine kam auf den Nikolaiturm, die andere auf den Reichenbacher Turm. Während die eine ihren Ort in luftiger Höhe noch einmal hinüber zum Rathausturm wechselte, kündigte die andere ihren Dienst auf und zersprang.
1559

> wurden zwei Altäre in die Peterskirche umgesetzt, jedoch gingen sie im Flammensturm des großen Stadtbrandes von 1691 unter.

  In den beiden Jahrzehnten nach dem Dreißigjährigen Krieg diente die bis dahin nicht mehr genutzte Kirche als Hofkapelle.

Vom Kirchengebäude zum schulischen Mehrzweckbau

Von 1642 an war die Annenkapelle für vier Jahrzehnte Tagungsort des kleinen Priesterkollegiums.

Ein Jahrhundert später, um 1730, wurde an die Westseite des Bauwerks ein völlig neues Gebäude angesetzt, bestimmt zum "Armen-, Zucht- und Waisenhaus"; fortan diente die Annenkapelle als anstaltseigene Kirche für diese Einrichtung.

Mit dem Jahr 1871 erfolgte dann eine grundlegende bauliche Veränderung des mittelalterlichen Kirchengebäudes: Durch eine Zwischendecke in Höhe des Gesimses der Maßwerkfenster wurde zu ebener erde ein Raum als Turnhalle für das mittlerweile zur Schule umfunktionierte Waisenhaus gewonnen. Somit entstanden die gotisch empfundenen Fensterpaare im Erdgeschoss.

Der lichterfüllte obere Raum diente seit 1875 als Aula für die damalige Mädchenmittelschule und der untere Raum wurde Turnhalle.

Schließlich erfolgte der Abriss des alten Waisenhausgemäuers und es entstand ein neuzeitliches, modernes Schulgebäude, welches im Jahre 1900 errichtet wurde: die heutige Annenschule.

Sie diente lange als Mittelschule, nach 1945 bis in die 90er Jahre als Schule mit erweitertem Fremdsprachenunterricht (Russisch - und deshalb damals der Name "Juri-Gagarin-Schule") und heute ist sie ein Görlitzer Gymnasium. 

Das Innere der Annenkapelle im 20. Jahrhundert.

Die Aula ist das herausragendste Bauwerk in Görlitz.

an der Decke:
        klargegliedertes Netzgewölbe sowie sechs Schlusssteine

Schlusssteine:
        östlich und einst über dem Hochalter, farblich reich ausgestattet, Monogramm und Hausmarke des Bauherrn Hans Frenzel (HF)

westlich:
         farblich bescheidener, einst über der Orgel Initialen und Steinmetzzeichen Albrecht Stieglitzer (AS)

4 Restlichen:
        Symbole der Evangelisten (Johannes, Matthäus, Lukas, Markus)

Westwand der Aula (1950):
        Fresko und kleineres Bild an der Nordwestseite

Figurenzyklus an der Außenfront:

Der Figurenzyklus befindet sich zwischen den Fenstern. Die fast lebensgroßen Figuren stehen auf anmutigen Spindelsäulen unter reichen Schmuck spätgotischer Baldachine, die in enger Beziehung zu den Mitgliedern der heiligen Sippe stehen, die einst auf dem Hochaltar standen. Die sechs Figuren: Joachim mit Geldbeutel, Heilige Anna mit Maria und Jesus Kind, Maria mit dem Kind, Vater Joseph, Johannes Teufer und Heilige Laurentius.

Die durchgreifende Erneuerung des Inneren wie des Äußeren der Annenkapelle zwischen 1985 und 1991 ließ das Bauwerk in neuem Glanz erstehen - verheißungsvoller Auftakt zugleich für die umfassende Restaurierung der Stadt an der Neiße.

 

 

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